Verhüllt

21.03.2026 | Geistlicher Impuls von Präses Christoph Wittmann

In der Passionszeit stehen wir oft vor Bildern des Leidens, des Dunkels und der Stille. Am Passionssonntag, dem 5. Fastensonntag, werden ganz bewusst auch Kreuze und Bilder in unseren Kirchen verhüllt, um sie unseren Blicken zu entziehen. Was sonst fast selbstverständlich vor Augen ist soll verborgen werden.

Auf diesem Bild sind die Köpfe der Figuren für unsere Augen „verhüllt“, sowohl der Kopf des Auferstandenen, als auch der des betenden Jüngers.

„Verhüllt“ kann unsere eigene Wahrnehmung sein – wie das Gesicht, die Augen des Jüngers. Wir sehen den Tod, das Leiden, die Trauer. Aber die Auferstehung? Sie ist noch verborgen, nicht zu greifen, noch nicht sichtbar für unsere Sinne. Wir stehen wie die Jüngerinnen und Jünger vor dem leeren Grab: wir ahnen, wir hoffen – aber wir sehen (noch) nicht.

Fastenzeit heißt, sich auf diese Spannung einzulassen: auf das Verborgene, das Ungewisse, das noch nicht Erschienene. Es ist eine Einladung, Geduld zu üben, das Herz zu öffnen, die Augen des Glaubens zu schärfen. Denn auch wenn die Auferstehung noch verhüllt ist, wirkt sie schon: in kleinen Gesten der Liebe, im Teilen, im Beten, im Hoffen.

Vielleicht ist das Geheimnis der Fastenzeit gerade, die Verhüllung zu akzeptieren – ohne zu verzweifeln, sondern mit der Gewissheit, dass Licht und Leben hinter dem Vorhang warten. Und wer genau hinsieht, entdeckt erste Risse im Dunkel, Vorboten der Morgenröte, die kommen wird.

Präses Christoph Wittmann